Teil 15

Donnerstag, 15. Dezember

Nicki ließ sich den ganzen Tag nicht blicken. Sein Frühstück und Mittagessen hatte er sich schnell aus der Küche geholt und war dann sofort wieder im Gästezimmer verschwunden. Klaus war so neugierig, dass immer wieder im Flur auf und ab ging, sein Ohr lauschend an die Tür hielt und dann wieder seines Weges ging.
»Wenn ich doch bloß wüsste, was der Bengel da drinnen ausheckt. Nur zu gern würde ich hinein stürmen und nachschauen.«
Also klopfte er an und drückte die Klinke herunter.
»Draußen bleiben.«, war Nickis kurze Reaktion darauf. Klugerweise hatte er hinter sich abgeschlossen.
»Nicht schlecht.«, murmelte Klaus.
»Er ist ziemlich schlau.«
Es blieb dem Weihnachtsmann also nichts weiter übrig, als im Arbeitszimmer zu warten.

Nicki hatte es fast geschafft. Ein letzter Brief lag auf dem kleinen Tisch und wartete darauf, gelesen zu werden. Er öffnete den Umschlag und holte einen Zettel hervor, auf dem die Tinte schon leicht verwischt war. Offensichtlich hatte das Kind beim Schreiben geweint.

Lieber Weihnachtsmann.
Mein Wunsch ist in diesem Jahr ganz anders als sonst. Ich will gar keine Spielzeuge oder Bücher von dir haben. Dieses Mal brauche ich deine Hilfe.
Mein bester Freund, der Nicki, ist auf der Suche nach dir. Jeder hat ihm erzählt, dass es dich nicht gibt. Also will er es allen anderen beweisen. Kannst du ihm nicht einfach mal ein Foto von dir schicken oder ihm einen Besuch abstatten, auch wenn deine Zeit an Weihnachten sehr knapp ist?
Nicki war zwar vor ein paar Tagen sehr böse zu mir. Er hat behauptet, dass es den Osterhasen nicht gibt. Ich weiß, dass er das nicht absichtlich gemacht hat. Trotzdem hat es mich sehr verletzt, dass er mich ein Baby genannt hat.
Ich habe ihm das mittlerweile verziehen, konnte es ihm aber noch nicht sagen, da er nicht mehr zur Schule kommt. Er ist krank geworden. Gerade deswegen wäre es doch schön, wenn du zu ihm kommen würdest, denn mit einer Grippe kann er nicht nach dir suchen.
Mehr wünsche ich mir gar nicht in diesem Jahr. Ich möchte einfach nur, dass mein Freund seinen größten Wunsch erfüllt bekommt.

Dein Leon.

P.S.: Solltest du den Osterhasen persönlich kennen, dann richte ihm doch einen Gruß von mir aus. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn er nächstes Jahr wieder zu mir kommt.

Nicki wusste gar nicht, was er denken sollte. So vieles ging ihm nun durch den Kopf. Plötzlich tat es ihm Leid, dass er seinem Freund so in den Rücken gefallen war. Ihm lief eine Träne über die Wange.
»Ich weiß doch schon längst, dass es den Weihnachtsmann gibt. Das haben schon viele für unmöglich gehalten. Warum sollte es dann nicht auch den Osterhasen geben? Das werde ich Leon sagen, wenn ich wieder zu Hause bin.«
Er nahm sich ein Blatt Papier und begann mit den Buntstiften ein Bild des Osterhasen zu malen.
»Ich bin mir sicher, dass ihm das als Antwort gefallen wird. Und nächstes Jahr werde ich mit ihm zusammen auf die Suche nach dem Osterhasen gehen, egal ob mich dann alle auslachen. Freunde lassen sich niemals allein.«

(c0 2016, Marco Wittler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.